Leben in Rußland: [Kolonien] [Haus]
[Kirche] [Landschaften]
[Landbesitz] [Industrie]
Gründung von Tochterkolonien:
Das Erbsystem (jüngster Sohn als Hoferbe), der Kinderreichtum
und das Privileg, Land zu kaufen, führten zur Gründung von
zahlreichen Tochterkolonien: zuerst in der Nähe der Mutterkolonien
im Wolga- und Schwarzmeergebiet, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
auch im Nordkaukasus, am Ural, in Sibirien, Kasachstan und Zentralasien.
Die letzten Siedlungen entstanden noch 1927/28 im Amurgebiet.
Im Wolgagebiet entstanden 440, im Schwarzmeergebiet rd. 1800, in Sibirien
rd. 500 Tochterkolonien. Insgesamt entwickelten sich aus 304 Mutterkolonien
3232 Tochterkolonien; die Zahl der deutschen Dörfer betrug somit
1940 rund 3500 (ohne Baltikum!). Die Kolonien waren streng nach Konfessionen
getrennt:
evangelisch (43 %),
katholisch (27 %),
baptistisch (16 %),
mennonitisch (8 %),
andere (6 %).
Mit ein Grund für die starke Verbreitung des Russlanddeutschtums
war der große Kinderreichtum. Während bei allen nationalen
Minderheiten in Europa die Geburtenziffer unter der des Staatsvolkes
lag, überstieg sie bei den Russlanddeutschen die des Staatsvolkes.
Auf 1000 deutsche Einwohner kamen im europäischen Russland 43,8
(gegenüber 39,8), in der Ukraine 47,3 (gegenüber 40,3), in
Wolhynien 36 Geburten; in Deutschland betrug zur gleichen Zeit die Geburtenziffer
19. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie lag vor 1918 bei 8
Kindern.
Aus 100 000 Einwanderern wurde in 150 Jahren eine Volksgruppe von 1,7
Millionen (Volkszählung 1914), d.h. die Zahl versiebzehnfachte
sich.
Bei allen Russlanddeutschen entwickelte sich mit der Zeit ein gut ausgeprägtes
lokales Heimatbewusstsein. Im Unterschied zu Emigranten, die z.B. in
die USA oder nach Kanada auswanderten, wollten die Siedler nicht im
einheimischen Volkstum aufgehen. Sie wollten auch in der neuen Heimat
Deutsche bleiben. Deshalb legten sie von Anfang an großen Wert
darauf, ihren Glauben, ihre Muttersprache, ihre folkloristischen Traditionen
(Volkslied u. Volkskunst, Musik, Tracht, Sitten und Gebräuche)
sorgsam zu pflegen, weiterzuentwickeln und an die nachfolgenden Generationen
weiterzugehen. So konnten sie über zwei Jahrhunderte ihre nationale
Identität bewahren und der Assimilation widerstehen.
Haus und Dorf
Im Wolgagebiet entstanden große, oft stadtähnliche Dörfer.
An mehreren Längsstraßen reihte sich Haus an Haus. In Wolhynien
waren es kleinere Siedlungen, oder die Häuser lagen in den Wäldern
zerstreut. Im weiten Schwarzmeergebiet, wo es in der Ansiedlungszeit
an Land nicht fehlte, baute man großzügig. An einer oder
mehreren langen (1 - 3 km), breiten (30 - 80 m), schnurgeraden Straßen
zogen sich die sauberen Häuser hin. Zu beiden Seiten der Fahrstraße
wurden durch Akazienbäume Gehwege abgetrennt ("Akazie"
volkstümlich für "Robinie").
Bei der Vermessung der Grundstücke wurde von vornherein je eine
genügend große Parzelle für Schule und Kirche in der
Mitte des Dorfes eingeplant. Die Höfe waren einheitlich 40 m breit
und bis 120 m lang, so dass der Dorfplan einen regelmäßigen,
fast schachbrettähnlichen Eindruck machte. Da die Häuser alle
nur immer einstöckig waren, beherrschte die Kirche mit dem hohen
Turm das Dorfbild. Die deutschen Kolonisten wurden bei der Ansiedlung
angehalten, Bäume anzupflanzen. Und so hob sich ein deutsches Dorf
wie eine Oase aus der sonst baumlosen Steppe hervor. Im Frühling
lag das Dorf in einem Blütenmeer voll Honigduft. Oft sah man hinter
den dichten Akazienbäumen die Häuser nicht mehr.
Im Schwarzmeergebiet waren die Häuser durch eine formschöne
Hofmauer von der Straße und den Nachbarhöfen getrennt. Das
Einfahrtstor und das Eingangstörchen hatten oft verzierte Säulen
oder Torbögen, die bunt gestrichen waren. Groß und regelmäßig
war solch ein Bauernhof mit den Gebäuden angelegt. Auf der einen
Seite, durch ein Blumengärtchen von der Straßenmauer getrennt,
stand das lange Wohnhaus. Zwei Wohnungen von meist 4 Räumen boten
den Eltern und dem ältesten verheirateten Sohn Unterkunft. Unter
demselben Dach schlossen sich die Stallungen für Pferde und Kühe
an, und dann folgten die Schuppen für Wagen und Ackergeräte.
Vorn, gegenüber dem Hauptgebäude, stand die "Sommerküche",
wo sich das Leben in den heißen und staubigen Sommermonaten abspielte.
Anschließend kam die Scheune. Im Hinterhof war der große
Dreschplatz, und um diesen sah man die hohen Stroh- und Misthaufen -
beides in Ermangelung von Kohle und Holz das unentbehrliche Brennmaterial.
Im Wolgagebiet - mit Ausnahme der Mennoniten - verhielt sich das anders.
Hier stand das Haus an der Straßenseite im Vorderhof alleine.
Gegenüber, auf der anderen Seite des Vorderhofes, ebenfalls an
der Straße, lag die sogenannte Sommerküche oder das Haus
der jüngeren Generation. Die Stallungen befanden sich auf der Grenze
des Vorderhofes zum Hinterhof. Der Stallmist gelangte durch eine Öffnung
in der Rückwand des Stalles in den Hinterhof auf den sich dort
- niemals auf dem Vorderhof(!) - befindlichen Misthaufen.
Das Äußere eines Kolonistenhauses machte immer einen sauberen,
gut gepflegten Eindruck. In Wolhynien waren die Häuser aus Holz,
im Wolgagebiet teils aus Holz, teils aus Stein, im Schwarzmeergebiet
immer aus Kalk- oder
Sandstein. Die Häuser waren hier alle verputzt und geweißt.
Alljährlich wurden die Mauern und öfter auch die Häuser,
meist zu Pfingsten, neu geweißt. Das Dach war je nach der Lage
mit Schilf, mit Blech oder Ziegeln gedeckt. Oft sah man auf den Dächern
das Baujahr eingelegt oder eingezeichnet. Neben den geschlossenen deutschen
Siedlungen gab es eine größere Zahl von Gutshöfen, die
zerstreut und abgelegen in der weiten Steppe lagen. Unternehmungslustige,
wohlhabende Bauern, denen es im Dorf zu eng wurde, kauften bei den russischen
Gutsbesitzern Land. Oft waren es 200 bis 800 und mehr Hektar. Um das
Gutshaus herum lag die Weide, weiter entfernt das Ackerland. Geräumige
Wohnungen, viele Stallungen für Vieh und geeignete Bauten für
Ackergeräte und Wagen waren Kennzeichen für solch einen Gutshof.
Kraft der ihnen zugestandenen kommunalen Autonomie wählten die
Kolonisten ihre Schulzen (Vorsteher) und Oberschulzen (Obervorsteher)
selbst. Diese waren der Dorf- bzw. der Gebietsversammlung rechenschaftspflichtig.
Die Gebietsämter unterstanden nicht der örtlichen staatlichen
Verwaltung, sondern dem Fürsorgekomitee in Odessa bzw. dem Fürsorgekontor
in Saratov, die ihrerseits direkt der Regierung in St. Petersburg zugeordnet
waren.
Kirchliches Leben
Das religiöse Leben - viele waren ja seinerzeit auch aus religiösen
Gründen ausgewandert - war in den deutschen Siedlungen stark ausgeprägt.
Da von der russischen Regierung religiöse Freiheit gewährt
wurde, war man in der Lage und auch bereit, für den Bau der Kirche
große Opfer zu bringen. Die Kirchen mussten immer aus eigenen
Mitteln erbaut werden. Da gab es aber nie Schwierigkeiten. Die von der
Gemeinde auferlegten Kirchensteuern wurden willig getragen, und die
Teilnahme am Bau war Ehrensache. So gab es denn in jeder mittleren und
größeren Gemeinde eine stattliche Kirche mit hohem, über
die Bauernhäuser hinausragenden Kirchturm. Der um die Kirche angelegte
"Kirchengarten" und die "Kirchenmauer" waren immer
gut gepflegt.
In allen Kirchen gab es Orgeln, die meist aus Deutschland kamen; besonders
war die Walker-Orgel aus Ludwigsburg in den Schwabensiedlungen vertreten.
In den kleineren Dörfern und bei den Mennoniten gab es nur Bethäuser
ohne Türme, die anfangs zugleich als Schule dienten. Die Kirchenbauten
unterschieden sich im äußeren Erscheinungsbild als auch in
der Innenausstattung grundlegend von den orthodoxen Kirchen.
Beim Baustil der Kirchen, die den ganzen Stolz der Deutschen zum Ausdruck
brachten, folgte man den in der zurückgelassenen Heimat vorherrschenden
neoklassizistischen und historistischen Mustern des 18./19. Jahrhunderts.
Der Chor war meist nach Osten ausgerichtet (Ostung). Einen besonderen
Formenreichtum zeigten die hochaufragenden Türme. Als Baumaterial
verwendete man je nach Verfügbarkeit Holz, Muschelkalk oder in
den eigenen Ziegeleien gebrannte Ziegeln. Der Kirchenbesuch war in den
deutschen Siedlungen sehr rege. Von der Familie blieb nur eine Person
zu Hause. Daher waren die Kirchen an den Sonntagen immer überfüllt.
Die sonntägliche Ruhe war mustergültig. An Sonntagen wurde
keinerlei Arbeit verrichtet, auch nicht in der Ernte- und Dreschzeit.
Nicht nur in jeder deutschen Siedlung, sondern auch in fast allen größeren
Städten Russlands (Moskau, St. Petersburg, Saratow, Odessa, Tiflis,
Baku, Omsk usw.) gab es deutsche Kirchen.
Jede missionarische Tätigkeit unter orthodoxen Christen war den
Deutschen streng verboten (bis 1905).
Landschaften im Schwarzmeer- und Wolgagebiet:
In den drei größten Siedlungsgebieten (Wolga-, Schwarzmeergebiet
und Wolhynien) war der Landschaftscharakter sehr verschieden. Wolhynien
war zum großen Teil ein welliges Waldgebiet. Dies wirkte sich
auf die Siedlungsweise (Streusiedlungen mit vielen Einzelhöfen)
und den Häuserbau (Holzhäuser) aus.
Im Gegensatz dazu war das Schwarzmeergebiet ein ebenes, baumloses Steppengebiet,
später Ackerland. Keine Berge und keine Wälder boten dem weiten
Blick über die Viehweiden und Getreidefelder ein Hindernis. Weidende
und am Abend heimkehrende Viehherden und ackernde oder erntende Bauern
konnte man auf weiten Flächen überblicken. Im Sommer sah man
überall Staubwolken hinter fahrenden Wagen oder vom Winde aufgetrieben
zum Himmel steigen. Wenn dann die Hitze gar zu groß war, täuschte
die flimmernde Luft Wasser (Fata Morgana) vor, oder man sah wirbelnde
Staubsäulen (Windhosen) hochsteigen. Nirgends ein Baum, nirgends
ein Wald. Steppe, Steppe und nach der Besiedlung und Kultivierung Ackerland
und Getreidefelder.
Einen etwas anderen Charakter hatte die Landschaft im Wolgagebiet, jenem
geschlossenen deutschen Siedlungsraum, den der russische Strom - die
Wolga - in die Wiesenseite (östlich) und die Bergseite (westlich)
teilte.
Landbesitz:
Wirtschaftlich hatten es die Siedler sehr schwer. Aber Fleiß,
Kinderreichtum, Sparsamkeit, landwirtschaftliches Können - all
das hatte zur Folge, dass bald ein ungeheurer Aufschwung einsetzte,
neue Siedlungen gegründet und neues Land käuflich erworben
wurden. Wenn die Schwarzmeerdeutschen wesentlich mehr Land aufkauften
als die Wolgadeutschen, so lag das an der Verschiedenheit des Erbsystems.
Die Wolgadeutschen teilten das Gemeindeland periodisch alle 5 bis 7
Jahre neu auf die männlichen Seelen auf, so dass der Einzelanteil
sich immer mehr verringerte; bei den Schwarzmeerdeutschen wurde das
ganze Land ("Die Wirtschaft") in der Familie ungeteilt auf
einen Sohn vererbt. So ergab sich hier die Notwendigkeit, für die
anderen Söhne Land zu kaufen, da man bestrebt war, aus jedem Sohn
wieder einen Bauern werden zu lassen. Während im Schwarzmeergebiet
den Deutschen bei der Ansiedlung 647.000 Desjatinen (1 Desj. = 1,093
ha) zugeteilt worden waren und sie aus eigenen Kräften bis 1914
weitere 4,2 Millionen Desjatinen dazukauften, lauteten die entsprechenden
Zahlen bei den Wolgadeutschen 1,4 Millionen bzw. 2,5 Millionen. Zusammen
hatten also allein diese beiden Gruppen 8,747 Millionen Desjatinen.
Nimmt man noch den Landbesitz der Deutschen in Sibirien und Wolhynien
sowie um St. Petersburg von rund 3,5 Millionen Desjatinen hinzu, so
ergibt sich (ohne Baltikum) ein Grundbesitz von 12,247 Mill. Desjatinen
= 13,386 Mill. Hektar (das ist mehr als das gesamte Staatsgebiet der
neuen Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland).
Industrie:
Bei der starken Zunahme der deutschen Bevölkerung trat bald Landmangel
ein, da die Möglichkeit, neues Land anzukaufen, sich immer mehr
erschöpfte. So musste man darauf bedacht sein, den Kindern eine
höhere Schulbildung zu geben, um deutsche Ärzte, Lehrer und
Pfarrer heranzubilden, oder man ließ die Söhne Handwerks-
oder Kaufmannsberufe erlernen.
Im Wolgagebiet entstand in und um Balzer eine beachtliche Textilindustrie,
in Katharinenstadt (später Marxstadt) eine florierende metallverarbeitende
Industrie. In der Südukraine entwickelten sich Odessa, Alexandrowsk,
Prischib, Chortitza, Neu-Halbstadt und Spat zu herausragenden Zentren
von Industrie und Handwerk der Deutschen. Hier gab es Großbetriebe
mit bis zu 1000 Beschäftigten. Der deutsche "Kolonistenwagen"
war von allen Völkern begehrt. Pflug- und andere landwirtschaftliche
Fabriken entstanden. Eine allgemeine Verbreitung aber erlangte die Mühlenindustrie.
In jeder größeren deutschen Siedlung gab es eine oder mehrere
Mühlen. In einigen deutschen Orten entstanden Großmühlen,
die weite Gebiete und vor allem die Großstädte mit Mehl versorgten.
Zahlreiche Ziegeleien lieferten das notwendige Baumaterial.